Wachstumsschublade

gut investierte 45 Minuten

6 Kommentare

Hier am Blog tut sich nicht viel, umso mehr in unseren erfüllten Tagen. Deshalb hat es diese Woche nicht oft was von mir zu lesen gegeben, dafür heut ein bisschen was längeres.Vor einigen Tagen habe ich dieses Essay von Jesper Juul entdeckt: “Frau und Mutter“, und es hat mir sehr gut getan, diesen Aufsatz anzuhören (gibt es nur als Hörbuch, hier).

Wer schon länger mitliest, weiß, dass ich die Bücher von Jesper Juul  gern mag, und das gilt auch für diesen Aufsatz. Er plädiert für respektvollen Austausch zwischen Partnern und zwischen Eltern und Kindern, dafür, zu überlegen, was man/frau wirklich will und dieses auch wertschätzend zu kommunizieren und keine Angst davor zu haben, auch einmal als unangepasst rüber zu kommen, wenn es grad wichtig für einen selbst ist.

Ich habe Euch ein paar Zitate herausgeschrieben und ein paar von meinen Gedanken dazu.

“Unsere Fähigkeit andere zu lieben, hängt davon ab, inwieweit wir uns selbst lieben können.”

Ja, genau. Wenn man mit sich selbst im Reinen ist, fällt es viel leichter, das Herz auch offen zu halten für andere (ganz besonders, wenn man deren Verhalten für einen Moment als anstrengend empfindet). Und Kinder lernen bekanntlich durch Nachahmen. Wenn sie spüren, dass die Mama sich selbst sehr o.k. findet, gehen sie voraussichtlich davon aus, dass es nur selbstverständlich ist, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind.

“Es ist sinnvoll, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass, sich gut um sich selber und die Paarbeziehung zu kümmern, das wertvollste Geschenk ist, dass Sie Ihren Kindern geben können. Ihre Integrität zu opfern, ist keine Liebe – es ist nur ein Opfer.”

Das ist ein wichtiger Aufruf für mich. Oft denk ich mir beim Schlafengehen, ich hätte statt der kurzen gemeinsamen Zeit mit meinem Mann am Abend, in der wir “nur” gekuschelt, geplaudert, eine Tafel Schokolade gemeinsam vernichtet haben, etwas “Sinnvolles” tun können. Ich will mir vor Augen halten, dass ein wenig “rumhängen wie früher” wichtig ist, dass wir vor lauter Elternsein nicht vergessen, uns zu genießen.

“Die hilfreichen Fragen “Was willst du?”  und “Was will ich wirklich?” führen weder zu asozialem Individualismus noch zu Egozentrik.”

Es ist nicht unhöflich, innerhalb der Familie Sätze mit “Ich will…” zu beginnen. Ganz im Gegenteil, es verschafft viel Klarheit. Viel zu oft endet es mit einer Schuldzuweisung, wenn Sätze mit “Du…” beginnen.

“Sagen Sie (Ihrer Tochter), dass auch wenn positives Feedback sich gut anfühlt und negatives schlecht, niemand das Recht hat, sie zu definieren. “

Dazu fällt mir ein, dass ich weiterhin dabei bleiben möchte, meine Kindern nicht permanent mit sogenanntem Lob zu überschütten. Wenn man sich am Spielplatz so umhört, heißt es dauernd “Ja, super, toll gemacht!” oder noch besser “Brav!!” als Kommentar zu Aktivitäten von Kindern, die völlig selbstverständlich sind wie Sand zu schaufeln oder auf die Rutsche zu klettern. Ich finde es gut, präsent zu sein und den Kindern zu sagen, dass man ihre Aktivitäten aufmerksam verfolgt. Aber ich denke, es tut ihrem Selbstbewusstsein gut, ihre Fortschritte von mir unkommentiert selbst wahrzunehmen. Natürlich sage ich es, wenn ich mit ihnen freue, wenn sie etwas neues für sich entdeckt haben. Ich weiß nicht, ob das hilft, dass sie zukünftig sich und ihre Ziele besser wahrnehmen können, unabhängig vom Applaus von außen. Aber ich denke, es ist einen Versuch wert.

“Die Fähigkeit sich anzupassen ist wichtig für unser aller Leben, egal wie alt wir sind, aber wenn man keine Verbindung zu sich selbst hat, führt das nur zu Leid und Elend. Die entscheidende Frage ist, ob es möglich ist, sich selbst treu zu bleiben und dabei immer noch “gute Noten” zu bekommen und von anderen Menschen gemocht zu werden. Basierend auf unseren Erfahrungen ist die Antwort ein klares Ja. Ja, das ist möglich.”

Sehr erfreulich. :-)

“Beliebt zu sein und gemocht zu werden ist einfach. Mit sich selbst zufrieden zu sein und sich selbst zu mögen ist viel schwerer.”

 Dieses “Wer ist beliebt?”, das war so ein großes Thema in meiner Schulzeit. Keiner konnte sich da richtig entziehen. Damals hab ich auch ein paar Mal die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, ganz anders zu handeln, als man eigentlich möchte, nur um beliebt zu sein. Dass es sich nicht so toll anfühlt. Und dass es letztendlich nicht funktioniert hat.

Ich finde, auch wenn sehr viel Information und Inspiration in gut 45 Minuten gepackt ist, ist das Hörbuch angenehm anzuhören. Es schadet nicht, wenn man die Sichtweise des Autors zu Begriffen wie Selbstwert, Integrität und Wertschätzung kennt, ist aber sicher keine Voraussetzung. Jesper Juul hat zu Beginn das umstrittene Titelblatt des Time Magazins vom April (das mit der Mutter, die ein Vorschulkind stillt) erwähnt, und ich hätte mich gefreut, wenn er noch ein paar seiner Gedanken zu dem damals erschienenen Artikel hinzugefügt hätte. Das hat mir ein klein wenig gefehlt. Aber trotzdem kann ich den Artikel sehr empfehlen für alle, für Frauen, Mütter und auch alle anderen, die Lust haben, sich ein bisschen Gedanken über Gesellschaft, Familie, einfach über den Umgang mit sich und miteinander zu machen.

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6 thoughts on “gut investierte 45 Minuten

  1. Danke für den Tipp. Ich hoffe, ich finde bald die Ruhe, mir das Hörbuch anzuhören.

  2. ALLEM, was du hier zitiert und kommentiert hast, kann ich nur voll und ganz zustimmen. allein, immer danach zu handeln und zu leben (zb. sich nicht zu verbiegen, nur um beliebt zu sein – das kenn ich übringens auch aus der schulzeit und auch von zeiten, die noch gar nicht lange her sind) ist ausgesprochen schwer und gelingt (mir) oft leider nur bedingt.
    vielen dank für diesen post
    alles liebe babsy

  3. Von diesem Essay hab ich schon gelesen, doch zum Anhören bin ich noch nicht gekommen. Ich hab noch nicht viel von Jesper Juul gelesen, doch das, was ich gelesen habe, gefällt mir sehr und ist auch für mich meist stimmig in den Alltag zu integrieren bzw merke ich, dass manches eh ähnlich läuft. Danke für Deinen langen Post, man spürt, dass Dir dieses Thema ein Herzensanliegen ist, und das zeichnet Dich als Frau, Mama, gute Freundin aus. Alles Liebe, Martina :-)

  4. Was Du schreibst und die Zitate von Jesper Juul kann ich nur aus vollem Herzen unterstreichen. Ich finde ihn auch sehr genial. Am wichtigsten erscheint mir zur Zeit, dass die Fähigkeit andere zu lieben davon abhängt, sich selbst zu lieben. Ich liebe mich, wer denkt das schon oft von sich? Ich muss mich daran immer wieder erinnern…
    Danke für Deinen schönen Artikel!

    herzlich,
    Katharina

  5. Jesper Juul ist auch mein Lieblingsautor! Und das letzte Zitat finde ich sehr, sehr gut… Danke für den Post und den Hinweis aufs Hörbuch, super. x Iren

  6. Die Zitate und Gedanken empfinde ich als sehr wahr. Ich habe schon einiges von Jesper Juul gehört bzw. kurz gelesen. Mich interessiert gerade ein Buch über Pubertät, was ich aber (noch) nicht habe.
    Ähnliche Gedanken finde ich auch bei Robert Betz oder anderen. Vielleicht ist das Buch deshalb noch nicht bei mir. Jeder hat ja so seinen “Favoriten”, der einem mal irgendwann über den Weg gelaufen ist ;-)
    Liebe Grüße von Roswitha

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